Der Neid des Schöpfers

Der Neid des Schöpfers

Erzählerische Medien gibt es seit Jahrtausenden. Noch immer ist man sich uneinig, ob die Ilias von Homer eine fantastische und überzogene Wiedergabe von realen Ereignissen ist oder einfach nur ein fantasiereicher Fantasy-Roman. Die Frage, ob es die trojanischen Kriege gab, soll uns hier aber nicht weiter beschäftigen. Was wichtig zur Veranschaulichung ist, ist die Tatsache, dass Ideen seit ewigen Zeiten auf Papier oder neuerdings in Word-Dokumente gebannt werden.

Aus dieser Tatsache entwickelt sich eine Problematik moderner Erzählungen: Fast jede Geschichte war schon einmal in der einen oder anderen Form da. Damit will ich nicht sagen, dass Autoren begonnen haben sich selbst zu plagiieren (obwohl das natürlich vorkommt), aber es verdeutlicht, weshalb man häufiger das Gefühl hat, dass eine Geschichte einem vertraut vor kommt.

Für einen Autor ist es also schwer neue oder gar revolutionäre Ideen zu finden, die den neugierigen Geist der Leser stimuliert. Wenn man aktiv nach solchen Themen sucht, wird man meist nicht glücklich. Eine Geschichte muss organisch entstehen und darf nicht erzwungen werden. Meine Geschichten sind das Produkt von Eureka-Momenten. In einem Moment sitze ich irgendwo, beobachte ein Ereignis und „schnipps!“ eine Eingebung ist da. Auch Träume spielen bei mir eine wichtige Rolle, da ich dort vorhandene Ideen rekapituliere und ihnen neue Facetten hinzufüge.

Aber kommen wir zur Kernaussage meiner Gedankengänge hier zurück. Originalität ist verdammt schwierig. Bei mir hat sich dadurch ein gewisser Neid entwickelt, wenn ich eine Erzählung oder ein Konzept entdecke, dass ich in der Form noch nicht kannte, also vollkommen neu für mich ist und dadurch endlos interessant. Weshalb Neid? Weil ich die Idee nicht hatte. Weil wieder eine originelle Idee abgegrast wurde und dadurch nicht mehr von mir ersonnen werden kann. Die Wiese wurde wieder ein Stückchen abgegrast und ich war nicht das Schaf mit dem vollen Magen.

Damit will ich nicht sagen, dass ich diese Geschichten nicht genieße und mich nicht über ihre Existenz freue. Realistisch betrachtet ist es nämlich so, dass ich vermutlich nie auf diese Idee gekommen wäre. Dann würde sie gar nicht existieren, was unglaublich schade wäre und die Welt des narrativen Erlebens ärmer machen würde.

Negativ sollte man solche Situationen des kollegialen Neids aber nicht sehen. Sie können sehr inspirativ sein und dazu führen, dass man ähnliche Ideen aus einem komplett anderen Blickwinkel betrachtet. Hätte es zum Beispiel den Großteil der Fantasy-Literatur gegeben, wenn J. R. R. Tolkien vor so vielen Jahren nicht den Herrn der Ringe geschrieben hätte? Sicherlich wäre später jemand auf eine ähnliche Idee gekommen, aber die generelle Ausgestaltung dieses Literaturzweigs sähe nun vollkommen anders aus. Aus bereits zum Papier gebrachten Ideen, können ganze Genres neuer Blickwinkel entstehen und das ist auch gut so. Die Menschheit hatte in keinem Punkt unserer Geschichte, einen so reichhaltigen Zugang zu narrativen Medien. Ein wenig Neid ist also ein geringer Preis für diese inspirierende Vielfalt.

Liebe Grüße

Jan

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